Aus „Liebe zur Natur“: Einsatz für eine lebenswerte Zukunft

Interview mit der Biologin und ÖDP-Kandidatin Dr. Maiken Winter

„Wir brauchen eine Partei, die ganz klar Stellung für den Menschen, für die Natur und für den Klimaschutz bezieht“: Dr. Maiken Winter, Biologin und ÖDP-Bundestagsdirektkandidatin im Wahlkreis GAP/WM-SOG, erklärt, worum es ihr im Wahlkampf geht und weshalb sie sich in der Bundespolitik beteiligen möchte. Was sind ihre Visionen, wofür will sie kämpfen, und was liegt ihr ganz persönlich am Herzen?

Frau Winter, warum wollen Sie die Nachfolgerin von Alexander Dobrindt werden?

Maiken Winter: Weil mir eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen dieser Welt sehr am Herzen liegt und ich nicht sehe, wie eine solche Zukunft mit der Politik von Herrn Dobrindt und der CSU vereinbar sein könnte. Speziell geht es mir darum, die Energiewende – zu 100 Prozent erneuerbare Energien – so schnell wie möglich, bis spätestens 2040, durchzuführen. Und zwar in allen Bereichen, also bei Strom, Wärme, Landwirtschaft und natürlich auch in Sachen Mobilität. Bei den Überlegungen, wie wir diesen Umbau schaffen können, darf kurzfristiges Profitstreben einzelner nicht vor der lebenswerten Zukunft aller stehen. Der ÖDP-Wahlspruch „Mensch und Natur vor Profit“ spricht mir daher aus ganzer Seele.

Ist eine Stimme für die ÖDP nicht im Grunde eine verlorene Stimme?

Maiken Winter: Auf keinen Fall. Im Moment ist die ÖDP zwar noch eine kleine Partei, aber gerade in dieser Zeit, in der die Profitgier von Konzernen die Zukunft der Menschheit gefährdet und die große Politik stark in die Macht der Konzerne verstrickt ist, brauchen wir eine Partei, die ganz klar Stellung für den Menschen, für die Natur und für den Klimaschutz bezieht. Es ist an der Zeit, dass die ÖDP auch in den Bundestag kommt; im Europaparlament und in vielen Kommunalparlamenten ist die ÖDP ja bereits vertreten. Dadurch würde endlich eine Partei Politik gestalten, die nicht durch Firmenspenden beeinflusst ist und sich somit ganz auf ihren Auftrag konzentrieren kann. Jede Stimme für die ÖDP stärkt die Kräfte, die für nachhaltiges Wirtschaften, Dezentralisierung und saubere Demokratie eintreten. 

Welche Schwerpunkte wollen Sie im Wahlkampf setzen?

Maiken Winter: Ich werde mich vor allem auf zwei Themenfelder konzentrieren: Klimaschutz und Energiewende inklusive Mobilität. Denn dies sind die Bereiche, mit denen ich mich seit Jahren intensiv beschäftige. Gerade bei der Mobilität ist es mir wichtig, dass Mensch und Natur als wichtiger angesehen werden als die Autoindustrie. Das bedeutet zunächst einmal, dass Sicherheit vor Schnelligkeit geht – daher starten wir eine Kampagne für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Dörfern und Städten. Dabei sollen Durchfahrtsstraßen Tempo 50 behalten. Die Vorteile einer solchen Änderung sind immens. Das bedeutet auch, dass der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und optimiert werden muss. Eng verbunden mit dem Themenkreis Klimaschutz/Energiewende/Mobilität sind natürlich viele andere Themenfelder wie Flächenverbrauch, Landwirtschaft, Biodiversität, Umgang mit Flüchtlingen, globale Gerechtigkeit, Wissenschaft und Bildung.

Was treibt Sie an, sich für diese Themenbereiche einzusetzen?

Seit Kindesbeinen setze ich mich für den Naturschutz ein. Ich bin in München-Schwabing geboren und aufgewachsen und war dort zunächst in der LBV-Jugendgruppe aktiv. Damals ging es mir um den Erhalt der Natur, unmittelbar um mich herum. Inzwischen dürfte uns allen klar sein, dass wir nur dann die Natur – und damit das Überleben der Menschheit – effektiv schützen können, wenn wir in einem viel größeren Rahmen denken.

Was genau meinen Sie mit einem „größeren Rahmen“?

Lassen Sie es mich anhand meiner eigenen Forschung erklären: Für meine Diplomarbeit untersuchte ich, wie verschiedene Feuerregime (Feuerökologie untersucht die Bedeutung des Feuers im Hinblick auf Flora und Fauna, Klima und Bodenbeschaffenheit) die Vegetation und dadurch die Vogelpopulation der amerikanischen Prärie beeinflussen. Doch ein optimales Feuerregime reicht nicht aus. Eine Prärie muss auch groß genug sei, damit bestimmte Vogelarten ein Präriefragment überhaupt erst besiedeln. Und schließlich wurde mir nach einem Training mit Al Gore und seinem Team des „Climate Reality Projects“ bewusst, dass auch eine optimale Prärielandschaft letztendlich zerstört werden kann, wenn die klimatischen Bedingungen sich ändern. Naturschutz ohne gleichzeitigen Klimaschutz ist daher langfristig nicht sinnvoll. Gleichzeitig aber muss Klimaschutz möglichst im Einklang mit dem Naturschutz stattfinden.

Um zu Ihrer Ausgangsfrage zurückzukommen – mich treibt vor allem an:

1. Die Liebe zur Natur, die ich als unbedingt schützenswert empfinde.

2. Ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, denn diejenigen Menschen werden als Erstes und am stärksten unter den Folgen der Destabilisierung des Klimas leiden, die sie am wenigsten verursachen.

3. Die Machbarkeit effektiven Klimaschutzes. Modelle zeigen, dass wir innerhalb weniger Jahrzehnte aus fossilen Energien aussteigen können. Dass wir dennoch nicht genügend Anstrengungen unternehmen, ist für mich vollkommen inakzeptabel.

Warum engagieren Sie sich ausgerechnet bei der ÖDP?

Dafür gibt es vor allem drei Gründe:

1. Die ÖDP ist sympathisch. Vieles, was im Parteiprogramm steht, spricht mir aus dem Herzen.

2. Die ÖDP ist friedlich. Es gibt keine Machtmenschen in der Partei – oder ich habe sie noch nicht kennengelernt. Die ÖDP-Definition von Macht, so wurde mir gesagt, ist: „Wer macht das bitte?“ Für mich ist das ideal. Ich bin nicht in einer Partei, um an die Macht zu kommen, sondern um meinen Teil zu einer lebenswerten Zukunft beizutragen.

3. Die ÖDP ist ehrlich. Sie ist die einzige Partei, die keine Firmenspenden annimmt und daher vollkommen unabhängig vom Einfluss der Industrie ist.

Ist die Arbeit in einer so kleinen Partei nicht wie der Kampf von David gegen Goliath?

Durchaus – aber David hat gewonnen!

Sie haben 14 Jahre in den USA gelebt – warum sind Sie zurückgekommen?

Ich habe meine Heimat vermisst. Es ist erstaunlich, was einem fehlt, wenn man nicht dort wohnt, wo man herkommt. So geht es sicherlich auch den vielen Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Alltägliches, wie der Gesang des Rotkehlchens oder der Amsel, auch das Glockenläuten; frei, zu wandern, wohin das Herz begehrt – oder einfach quer durch einen See zu schwimmen … das alles ging mir sehr ab. Auch wollte ich nicht so weit weg von meiner Familie sein. Ein wichtiger Grund waren auch Überlegungen, wo meine Kinder in Zeiten des Klimawandels sicherer aufwachsen können. Die viel bessere (wenn auch weiterhin verbesserungsfähige) Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs, die größere Vielfalt der regionalen Landwirtschaft, der Ausbau der erneuerbaren Energien – das waren für mich sehr wichtige Aspekte. Ich war überzeugt, dass Deutschland das Land ist, das vorangeht, um der Welt zu zeigen, wie man effektiv gegen die Destabilisierung des Klimas vorgehen kann, und ich wollte dabei mithelfen. Das war leider sehr optimistisch. Auch deswegen kandidiere ich nun für den Bundestag, um beim Klimaschutz stärker mitwirken zu können.

Sie wohnen nun seit zehn Jahren in der Region. Was schätzen Sie am Landleben?

Die Ruhe, die Schönheit der Natur, die Störche, die an meinem Fenster vorbeifliegen. Ich war als Kind sehr oft hier. Eine Freundin der Familie lebte in Dießen, und wir besuchten sie oft am Wochenende. Letztlich bin ich durch Zufall zurück in die Region gekommen – ich bekam ein Angebot, bei „Plant-for-the-Planet“ in Pähl zu arbeiten. Das gab mir die Möglichkeit für den Sprung zurück nach Deutschland. Inzwischen habe ich mich so sehr ans Landleben gewöhnt, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, in einer Großstadt wie München zu leben. Eines geht mir hier allerdings ab: die Diversität der Kulturen. In der Schule meiner Kinder in den USA waren 32 Nationalitäten vertreten. Das ermöglichte einen wunderbaren Austausch, und ich empfand das Glück, Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen zu dürfen – das spürt man bei uns in Deutschland leider noch nicht überall.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!